Keine Liebe

Es war keine Liebe drin

Es war einem Tage kurz vor Weihnachten auf einem Rundgang durch ein Altenheim.

Zu dem Zimmer eines alten Herrn, der alleine für sich wohnte, war vor einer Viertelstunde noch die Paketpost heraufgekommen. Darum wunderte ich mich nicht, dass auf mein Klopfen zunächst keine Antwort kam. „Aha, das Weihnachtspaket!“ dachte ich. Tatsächlich, als es endlich hiess: „Herein!“ stand der alte Herr vor dem Tisch und stocherte in dem eben geöffneten Paket. Man sah auf den ersten Blick, dass es ein reiches Paket war. Später hörte ich, dass die Absenderin, die Tochter des alten Herrn, eine reiche Geschäftsfrau war.

Damals litten alle Leute Not und Mangel. Es war die Hungerzeit nach den Zweiten Weltkrieg. Doch in diesem Paket sah man Zigarren, Taback, Cognac, Rotwein, gefütterte Schuhe, warme Sachen – alles was man sich ersehnen konnte. Der alte Herr aber machte zu all dem nur ein mürrisches Gesicht. Kein Fünkchen Freude war zu sehen. „Aber, Herr Becker“, sagte ich jetzt, „wie kann man vor solch einem Weihnachtspaket solch ein trauriges Gesicht machen? Da ist doch alles Gute drin!“ Da sah mich der alte Herr an und sagte: „Da ist keine Liebe drin!“

Dann begann er von der reichen Tochter zu erzählen. Sie hatte das Paket von den Angestellten packen lassen. Sie hatte eine billige, vorgedruckte Weihnachtskarte geholt und darunter geschrieben: „Deine Tochter Luise und Schwiegersohn“. Sonst nichts, kein persönlicher Weihnachtswunsch, kein Besuch, keine Einladung: „Feiere das Fest mit uns!“

Die bestens ausgesuchten Geschenke waren Stück für Stück noch mit den Preisschildern versehen, damit der alte Vater merken sollte, was man für ihn ausgegeben hatte. Er hatte recht: „Es ist keine Liebe darin!“ Die schönsten und reichsten Geschenke sind nichts wert und können keine Freude machen, wenn keine Liebe darin ist.

Zugeschrieben Wilhelm Busch


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12 Antworten zu Keine Liebe

  1. Werner sagt:

    Ja, die Geschichte macht einen traurig und nachdenklich. Was nutzt alles Geld der Welt, wenn man nicht geliebt und geachtet wird? Was ist es doch schön, wenn mann mit der Familie zusammen um den Weihnachtsbaum sitzen kann und den alten Geschichten zuhören kann. ich erinnere mich an meine Kindheit, wenn Oma das Märchenbuch holte und uns Kindern vorgelesen hat. Weihnachten in der Kinderzeit war immer was besonderes und ich erinnere mich gerne daran. Bei uns war es immer so, das wir alle , die gesamte Familie einschließlich Oma und Opa gefeiert haben und ich mache es heute auch immer noch so. Nur hat die Rolle gewechselt, ich bin jetzt Opa. :ja: :ja:

    Gruß Werner

    • Agnes sagt:

      Ich finde auch die Geschenke nicht so wichtig, natürlich freue ich mich über ein Geschenk, aber das kann auch eine Kleinigkeit sein, der Wert ist zweitrangig.
      Wir werden auch Weihnachten beide Söhne mit Familien sehen, dann habe ich meine vier Enkelkinder alle zusammen, mal schaun wies läuft, vielleicht bekommen wir ja ein Familienphoto mit allen hin.
      Das wäre dann für mich ein super Geschenk.

  2. ute42 sagt:

    Eine Geschichte, die sehr nachdenklich macht.
    Und nicht nur eine Geschichte. Meine Freundin hat Sohn und Schwiegertochter vor Ort und noch einen Sohn und Schwiegertochter in der Schweiz. Sie wird den hlg. Abend alleine verbringen, sie ist nicht eingeladen. Ich werde mich um sie kümmern.

    • Agnes sagt:

      Das ist sehr traurig für Deine Freundin.
      Wie gut, dass sie Dich hat, und Du für sie da bist.
      Es gibt viele Eltern die Weihnachten ohne ihre Kinder verbringen werden, bei einigen geht es nicht anders (weite Wege) aber bei einigen ließe sich auch bestimmt etwas einrichten.

  3. Lemmie sagt:

    Liebe Agnes!
    Das ist eine sehr traurige Geschichte.
    Lieben Gruß
    Lemmie

  4. Marianne sagt:

    So etwas kommt auch heute noch vor und wehe man würdigt das teure Geschenk nicht. Dabei sind es die kleinen Gaben, oftmals die, die kein Geld kosten.
    Ein herzlicher Gruß, eine liebe Umarmung.

    Alles Gute dir liebe Agnes und ich wünsche dir ein wundervolles, liebevolles Weihnachtsfest.

    Herzlichst ♥ Marianne

    • Agnes sagt:

      Mir wäre es da auch lieber, bei meinen Kindern zu sein, als ein dickes Paket mit teuren Geschenken zu bekommen.
      Traurig ist das, wenn Eltern das erleben müssen.
      Ich wünsche Dir auch ein frohes Weihnachtsfest
      :baumschmueckerin:

  5. april sagt:

    Und solche lieblosen Geschenke wird es – wie jedes Jahr – zu Hunderttausenden geben und einsame Menschen auch. Traurig, sehr traurig.

    • Agnes sagt:

      Ja leider ist das wohl eine zeitlose Geschichte, die immer wieder vorkommt.
      Wahrscheinlich kommt sie da häufiger vor, wo es den Menschen gut geht.
      In Armut hält man häufig besser zusammen.

  6. do sagt:

    Eine traurige Geschichte die nachdenklich macht. Nur leider lesen die Leute, die darüber nachdenken sollten, nicht in deinem Blog.
    Herzlich, do

    • Agnes sagt:

      Das vermute ich auch, das sich von meinen Lesern niemand angesprochen fühlen sollte.
      Aber es gibt sie wohl immer, solche Kinder, die ihre Eltern nicht gebrauchen können.

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